Die Kurzgeschichte „Zensur-Fuge“ von Frieder
Stöckle beschreibt die Situation eines Schülers, der eine schlechte
Arbeit wiederbekommt.
Das Auffällige an diesem Text ist
die Struktur, die an die aus der Musik bekannte Fuge erinnert. Die erste
Stimme ist die des Lehrers, die zweite die des Schülers. Die Stimme
des Lehrers wird als wörtliche Rede gekennzeichnet und gibt das Thema
vor, auf das die Stimme des Schülers in Form von Gedanken antwortet.
Der Lehrer wirkt verärgert über
den schlechten „Schnitt“ der Arbeit, was er mehrmals deutlich macht: „[…]
ein sehr schlechter Schnitt“ (Z. 5); „[…] ein so schlechter Schnitt“ (Z.
10 f.).
Er behandelt die Schüler von oben
herab, besonders die schlechteren. Dies erkennt man daran, dass er mit
der Ausgabe der guten Arbeiten beginnt und diese besonders hervorhebt (s.
Z. 17 ff.). Die restlichen, schlechteren Schüler zählt er lustlos
auf. Damit teilt er sie in verschiedene Leistungsklassen auf: die guten,
die „aufgeweckt dabei“ sind, und die anderen, die sich „drunter“ (Z. 28),
„immer weiter abwärts“ (Z. 26) befinden.
Der Schüler, die zweite Stimme in
dieser Fuge, hat Angst vor seiner Note, denn für ihn geht es um mehr
als die bloße Note. Bei einem schlechten Resultat müsste er
das Fechten aufgeben und damit auch einen Freund, „den Jo“ (Z. 16 zweimal
hintereinander à betont, Z. 23). In Gedanken wiederholt der Schüler
seinen Namen mehrmals beschwörend und es wird klar, dass Jo ihm sehr
viel bedeutet: „lieber, lieber Jo“ (Z. 29).
Jeder Satz des Lehrers versetzt ihn in
immer größere Angst, was dadurch deutlich wird, dass er nur
in Phrasen denkt und fast schon apathisch seinen „Schnitt“ innerlich ausrechnet
und die Note „zwei Komma fünf“ (Z. 12, 18, 19) herbeisehnt. Die bräuchte
er für einen befriedigende Deutschnote auf dem Zeugnis, um seinen
geliebten Jo wiederzusehen.
Bei jeder Note, die der Lehrer vorliest,
wird ihm immer klarer, dass es nicht reicht, es „ist zu wenig“. Dieser
Gedanke – dass es nicht reicht – zieht sich durch den ganzen Text („[…]
reicht es kaum“ (Z. 11 f.), „[…] reicht nicht“ (Z. 11 zweimal, Z. 24),
„zu wenig“ (Z. 24)).
Als schließlich klar wird, dass
er nicht einmal eine Vier hat, trifft ihn das wie ein Schlag ins Gesicht
und er verabschiedet sich innerlich von Jo: „aus Jo“ (Z. 28), „adieu lieber
Jo“ (Z. 29). Der Lehrer fügt noch ein brutales: „Das war’s“ (Z. 29
zweimal) hinzu und „Wegpacken“ (Z. 30), was das Ganze noch dramatischer
macht.
Dieser Text soll vermutlich zeigen, wie
grausam es sein kann, Menschen in Kategorien oder bestimmte Klassen einzuteilen,
ohne auf die Gefühle und das persönliche Schicksal Rücksicht
zu nehmen.
Anm.: Linear-chronologische Interpretation
(Wiedergabe des Inhalts, dann Deutung „dies erkennt man daran...“, „was
dadurch deutlich wird...“) mit problemorientierten Aspekten (Zusammenfassung
von Zusammengehörigem).
Der Schlussteil ist diskussionswürdig,
nicht so vorbildlich.
Die Kurzgeschichte „Zensur-Fuge“ von Frieder
Stöckle handelt von einem / -r Schüler / -in, der / die um die
Note seiner / ihrer Arbeit bangt, die der Lehrer in der Deutsch-Stunde
austeilt.
Zunächst möchte ich davon ausgehen,
dass es sich um eine Schülerin handelt, da sie unter den letzten ist,
die aufgerufen werden, und die letzten aufgerufenen Namen Mädchennamen
sind: „Annegret, Bärbel, Christa“ (Z. 27).
Da sie bereits Diktate geschrieben hat,die
zwischen Zwei und Fünf schwanken, hofft sie inständig, dass sie
„mindestens eine zwei Komma fünf“ geschrieben hat. (Z. 12) Da sie
jedoch weiß, dass sie immer „im Schnitt“ liegt (vgl. Z. 6) und der
Lehrer soeben „einen Schnitt von vier Komma fünf“ verkündet hat,
schrumpfen ihre Hoffnungen zusehends. (Z. 6)
Vermutlich haben ihre Eltern schon verlauten
lassen, dass sie auf ihren Fechtverein verzichten müsse, falls sich
ihre Zeugnisnote in Deutsch nicht bessere. Sie kommt aber selbst zu dem
Schluss, dass sie „unmöglich“ eine „zwei Komma fünf“ schreiben
könne. Auf das Fechten zu verzichten, stimmt sie traurig und sie ist
enttäuscht, weil sie dort ihren Freund namens Jo regelmäßig
trifft, auf den sie dann auch verzichten müsste (Z. 13 – 16).
Sie entwickelt starke Abneigungen gegen
die guten Schülerinnen und bezeichnet sie u.a. als „doofe Kuh“, während
sie den Lehrer als unfair abstempelt (Z. 20 f.).
Da der Lehrer systematisch zuerst die
guten und dann die schlechteren Arbeiten verteilt, stellt die Erzählerin
bald fest, dass sie ein sehr schlechtes Ergebnis hat. Sie hofft trotzdem
weiter, bis sie auch nicht unter den „Vierern“ ist. Erst dann gibt sie
resignierend auf und verabschiedet sich in Gedanken von Jo. Sie empfindet
es als ungerecht, dass sie nur „wegen einem schlechten Diktat“ einen guten
Freund verliert (Z. 17 – 29).
Der Lehrer macht die Schüler psychisch
fertig, er spannt sie auf die Folter, indem er ihnen lange Vorträge
über das Lernen hält und ihnen seine Musterschülerinnen
präsentiert, anstatt einfach die Arbeiten auszuteilen und Hilfestellung
bei Fragen zu geben. Er stellt die schlechten Schüler bloß,
indem er alle mit Namen aufruft. Da er zuvor erwähnt hat, dass sie
das Diktat geübt hätten, es solle also keiner sagen, „dass die
Arbeit zu schwer war“ (Z. 8 f.), stellt er die Erzählerin damit als
noch unfähiger und lernfaul hin (Z. 8 f., 17 f., 26 f.).
Für Schüler ist der Text möglicherweise
leicht nachvollziehbar. Jeder kennt das furchtabre Gefühl der Spannung,
kurz bevor man eine Arbeit zurückbekommt. Jedoch ist es schwierig,
auf den ersten Blick die richtigen Satzzusammenhänge zu erkennen,
da die Äußerungen des Lehrers den Gedankengang der Schülerin
unterbrechen und umgekehrt (z.B. „Wenn ich aus dem Fechten raus muss ‚Ihr
müsst irgendwann’ kann ich den Jo, den Jo nicht mehr sehen ‚einsehen,
dass ihr fürs Leben […] lernt […]“). Andererseits ist es realistisch
wie im wirklichen Leben: Man denkt noch, während man einem anderen
zuhört und wird demnach in seinen Gedankengängen beeinflusst.
Wenn man genau überlegt, versteht
man auch den Titel „Zensur-Fuge“. „Fuge“ bedeutet ein Musikstück.
Darunter versteht man, wenn sich zwei Stimmen in einem Lied „unterhalten“
(korrespondierend ergänzen). Übertragen auf die Geschichte heißt
das, dass die Schülerin [Anm.: oder der Lehrer = Dux: gibt mit der
Rückgabe das Thema vor...] mit dem Leitmotiv beginnt, und zwar der
Rückgabe der Arbeit. Der Lehrer, die zweite Stimme (Comes, Begleiter),
nimmt das Thema auf, er berichtet von dem Ergebnis des Diktats. So zieht
sich dieses Motiv durch die ganze Geschichte. Zu jeder Aussage des Lehrers
folgt eine gedankliche „Antwort“ der Schülerin.
Ich finde den Text originell. Er hat Bezug
zur Realität und wird dadurch interessant, nicht nur für Schüler,
sondern auch für Lehrer.
„Kurzprosa“ ist ein Oberbegriff, hierunter fallen alle möglichen kurzen Texte wie Anekdote, Fabel, Parabel... oder die Kurzgeschichte (wie hier)...
Der textunkundige Leser muss in die
Situation eingeführt werden:
Die Kurzgeschichte beschreibt die Reaktionen
/ Hoffnungen / Befürchtungen [nur einen Begriff verwenden !] einer
Schülerin während der Rückgabe eines Deutsch-Diktats.
Personen werden mit dem unbestimmten
Artikel eingeführt, weitere durch Beziehung zur ersten Person:einer
Schülerin und ihres Lehrers...
Zitierweise: sinnvoll gekürzte
Textbelege mit Belegstelle (bei wörtl. Zitat „Z. XX“ bzw. „Z.
XX f., nicht „Z. 12 – 13“; bei sinngemäßer Wiedergabe
„vgl.
Z. XX“)
inhaltsgleiche Zitate sind überflüssig
wenn ein Großbuchstabe am Anfang
im Zitat als Kleinbuchstabe auftaucht, muss man diese Änderung nicht
durch eckige Klammern markieren: „[w]egen...“
Zwischen Textebene und fiktiver Realität
unterscheiden: nicht „In Z. 15 küsst er seine Freundin.“ sd. „Er
küsst seine Freundin. (Z.15)“ oder „In Z. 15 wird dargestellt /berichtet...“