Interpretation Christian Graf (leicht modifiziert)

Die Kurzgeschichte „Zensur-Fuge“ von Frieder Stöckle beschreibt die Situation eines Schülers, der eine schlechte Arbeit wiederbekommt.
Das Auffällige an diesem Text ist die Struktur, die an die aus der Musik bekannte Fuge erinnert. Die erste Stimme ist die des Lehrers, die zweite die des Schülers. Die Stimme des Lehrers wird als wörtliche Rede gekennzeichnet und gibt das Thema vor, auf das die Stimme des Schülers in Form von Gedanken antwortet.
Der Lehrer wirkt verärgert über den schlechten „Schnitt“ der Arbeit, was er mehrmals deutlich macht: „[…] ein sehr schlechter Schnitt“ (Z. 5); „[…] ein so schlechter Schnitt“ (Z. 10 f.).
Er behandelt die Schüler von oben herab, besonders die schlechteren. Dies erkennt man daran, dass er mit der Ausgabe der guten Arbeiten beginnt und diese besonders hervorhebt (s. Z. 17 ff.). Die restlichen, schlechteren Schüler zählt er lustlos auf. Damit teilt er sie in verschiedene Leistungsklassen auf: die guten, die „aufgeweckt dabei“ sind, und die anderen, die sich „drunter“ (Z. 28), „immer weiter abwärts“ (Z. 26) befinden.
Der Schüler, die zweite Stimme in dieser Fuge, hat Angst vor seiner Note, denn für ihn geht es um mehr als die bloße Note. Bei einem schlechten Resultat müsste er das Fechten aufgeben und damit auch einen Freund, „den Jo“ (Z. 16 zweimal hintereinander à betont, Z. 23). In Gedanken wiederholt der Schüler seinen Namen mehrmals beschwörend und es wird klar, dass Jo ihm sehr viel bedeutet: „lieber, lieber Jo“ (Z. 29).
Jeder Satz des Lehrers versetzt ihn in immer größere Angst, was dadurch deutlich wird, dass er nur in Phrasen denkt und fast schon apathisch seinen „Schnitt“ innerlich ausrechnet und die Note „zwei Komma fünf“ (Z. 12, 18, 19) herbeisehnt. Die bräuchte er für einen befriedigende Deutschnote auf dem Zeugnis, um seinen geliebten Jo wiederzusehen.
Bei jeder Note, die der Lehrer vorliest, wird ihm immer klarer, dass es nicht reicht, es „ist zu wenig“. Dieser Gedanke – dass es nicht reicht – zieht sich durch den ganzen Text („[…] reicht es kaum“ (Z. 11 f.), „[…] reicht nicht“ (Z. 11 zweimal, Z. 24), „zu wenig“ (Z. 24)).
Als schließlich klar wird, dass er nicht einmal eine Vier hat, trifft ihn das wie ein Schlag ins Gesicht und er verabschiedet sich innerlich von Jo: „aus Jo“ (Z. 28), „adieu lieber Jo“ (Z. 29). Der Lehrer fügt noch ein brutales: „Das war’s“ (Z. 29 zweimal) hinzu und „Wegpacken“ (Z. 30), was das Ganze noch dramatischer macht.
Dieser Text soll vermutlich zeigen, wie grausam es sein kann, Menschen in Kategorien oder bestimmte Klassen einzuteilen, ohne auf die Gefühle und das persönliche Schicksal Rücksicht zu nehmen.

Anm.: Linear-chronologische Interpretation (Wiedergabe des Inhalts, dann Deutung „dies erkennt man daran...“, „was dadurch deutlich wird...“) mit problemorientierten Aspekten (Zusammenfassung von Zusammengehörigem).
Der Schlussteil ist diskussionswürdig, nicht so vorbildlich.



Annika Lühl schrieb:

Die Kurzgeschichte „Zensur-Fuge“ von Frieder Stöckle handelt von einem / -r Schüler / -in, der / die um die Note seiner / ihrer Arbeit bangt, die der Lehrer in der Deutsch-Stunde austeilt.
Zunächst möchte ich davon ausgehen, dass es sich um eine Schülerin handelt, da sie unter den letzten ist, die aufgerufen werden, und die letzten aufgerufenen Namen Mädchennamen sind: „Annegret, Bärbel, Christa“ (Z. 27).
Da sie bereits Diktate geschrieben hat,die zwischen Zwei und Fünf schwanken, hofft sie inständig, dass sie „mindestens eine zwei Komma fünf“ geschrieben hat. (Z. 12) Da sie jedoch weiß, dass sie immer „im Schnitt“ liegt (vgl. Z. 6) und der Lehrer soeben „einen Schnitt von vier Komma fünf“ verkündet hat, schrumpfen ihre Hoffnungen zusehends. (Z. 6)
Vermutlich haben ihre Eltern schon verlauten lassen, dass sie auf ihren Fechtverein verzichten müsse, falls sich ihre Zeugnisnote in Deutsch nicht bessere. Sie kommt aber selbst zu dem Schluss, dass sie „unmöglich“ eine „zwei Komma fünf“ schreiben könne. Auf das Fechten zu verzichten, stimmt sie traurig und sie ist enttäuscht, weil sie dort ihren Freund namens Jo regelmäßig trifft, auf den sie dann auch verzichten müsste (Z. 13 – 16).
Sie entwickelt starke Abneigungen gegen die guten Schülerinnen und bezeichnet sie u.a. als „doofe Kuh“, während sie den Lehrer als unfair abstempelt (Z. 20 f.).
Da der Lehrer systematisch zuerst die guten und dann die schlechteren Arbeiten verteilt, stellt die Erzählerin bald fest, dass sie ein sehr schlechtes Ergebnis hat. Sie hofft trotzdem weiter, bis sie auch nicht unter den „Vierern“ ist. Erst dann gibt sie resignierend auf und verabschiedet sich in Gedanken von Jo. Sie empfindet es als ungerecht, dass sie nur „wegen einem schlechten Diktat“ einen guten Freund verliert (Z. 17 – 29).
Der Lehrer macht die Schüler psychisch fertig, er spannt sie auf die Folter, indem er ihnen lange Vorträge über das Lernen hält und ihnen seine Musterschülerinnen präsentiert, anstatt einfach die Arbeiten auszuteilen und Hilfestellung bei Fragen zu geben. Er stellt die schlechten Schüler bloß, indem er alle mit Namen aufruft. Da er zuvor erwähnt hat, dass sie das Diktat geübt hätten, es solle also keiner sagen, „dass die Arbeit zu schwer war“ (Z. 8 f.), stellt er die Erzählerin damit als noch unfähiger und lernfaul hin (Z. 8 f., 17 f., 26 f.).
Für Schüler ist der Text möglicherweise leicht nachvollziehbar. Jeder kennt das furchtabre Gefühl der Spannung, kurz bevor man eine Arbeit zurückbekommt. Jedoch ist es schwierig, auf den ersten Blick die richtigen Satzzusammenhänge zu erkennen, da die Äußerungen des Lehrers den Gedankengang der Schülerin unterbrechen und umgekehrt (z.B. „Wenn ich aus dem Fechten raus muss ‚Ihr müsst irgendwann’ kann ich den Jo, den Jo nicht mehr sehen ‚einsehen, dass ihr fürs Leben […] lernt […]“). Andererseits ist es realistisch wie im wirklichen Leben: Man denkt noch, während man einem anderen zuhört und wird demnach in seinen Gedankengängen beeinflusst.
Wenn man genau überlegt, versteht man auch den Titel „Zensur-Fuge“. „Fuge“ bedeutet ein Musikstück. Darunter versteht man, wenn sich zwei Stimmen in einem Lied „unterhalten“ (korrespondierend ergänzen). Übertragen auf die Geschichte heißt das, dass die Schülerin [Anm.: oder der Lehrer = Dux: gibt mit der Rückgabe das Thema vor...] mit dem Leitmotiv beginnt, und zwar der Rückgabe der Arbeit. Der Lehrer, die zweite Stimme (Comes, Begleiter), nimmt das Thema auf, er berichtet von dem Ergebnis des Diktats. So zieht sich dieses Motiv durch die ganze Geschichte. Zu jeder Aussage des Lehrers folgt eine gedankliche „Antwort“ der Schülerin.
Ich finde den Text originell. Er hat Bezug zur Realität und wird dadurch interessant, nicht nur für Schüler, sondern auch für Lehrer.



Allgemeine Anmerkungen:
Zur Strukturanalyse hätte man folgende Begriffe verwenden können:
Satzbruchstücke, Fragmente, Satzfetzen werden kombiniert, verzahnt, montiert wie Flicken, Patchwork, eine Collage... Fuge -- > kontrapunktisch, gegensätzlich, sich ergänzend, das Grundthema variierend...
Die Sätze sind i.d.R. ohne abschließenden Punkt, zur Unterscheidung ist ein Redebeitrag (wörtl. Rede) kursiv-fett gesetzt / gedruckt, die Gedanken des Schülers normal.
Zu den Gedanken vgl. „erlebte Rede“ / „innerer Monolog“ (war nicht gefordert !)

„Kurzprosa“ ist ein Oberbegriff, hierunter fallen alle möglichen kurzen Texte wie Anekdote, Fabel, Parabel... oder die Kurzgeschichte (wie hier)...

Der textunkundige Leser muss in die Situation eingeführt werden:
Die Kurzgeschichte beschreibt die Reaktionen / Hoffnungen / Befürchtungen [nur einen Begriff verwenden !] einer Schülerin während der Rückgabe eines Deutsch-Diktats.
Personen werden mit dem unbestimmten Artikel eingeführt, weitere durch Beziehung zur ersten Person:einer Schülerin und ihres Lehrers...

Zitierweise: sinnvoll gekürzte Textbelege mit Belegstelle (bei wörtl. Zitat „Z. XX“ bzw. „Z. XX f., nicht „Z. 12 – 13“; bei sinngemäßer Wiedergabe „vgl. Z. XX“)
inhaltsgleiche Zitate sind überflüssig
wenn ein Großbuchstabe am Anfang im Zitat als Kleinbuchstabe auftaucht, muss man diese Änderung nicht durch eckige Klammern markieren: „[w]egen...“

Zwischen Textebene und fiktiver Realität unterscheiden: nicht „In Z. 15 küsst er seine Freundin.“ sd. „Er küsst seine Freundin. (Z.15)“ oder „In Z. 15 wird dargestellt /berichtet...“